Ein dickes Lob für die Modellschule in Bergatreute vom SPD-Spitzenkandidaten Nils Schmid

Veröffentlicht am 21.01.2011 in Presseecho

OB Ivo Gönner, Nils Schmid und Landtagsabgeordneter Martin Rivoir im Weiterbildungszentrum Ulm (WBZU) FOTO: KU

Mit dem morgigen Parteitag unter dem Motto „Der echte Wechsel“ gehe der Wahlkampf so richtig los, sagt SPD-Spitzenkandidat Nils Schmid. „Echt“ sei der Machtwechsel, wenn die CDU in der Opposition lande und die SPD die neue Regierung führe. Die Sozialdemokraten wollen sich wieder etwas emanzipieren von den Grünen, die in der jüngsten Umfrage vom Dezember noch immer zehn Prozent vor der SPD lagen.

Das Umfrage-Rennen der Parteien im Südwesten erinnert etwas an die „Tour de France“. Gelingt es dort einem Rennfahrer während einer Etappe weit vorauszufahren, schlüpft er ins „virtuelle gelbe Trikot“. Wäre das Rennen dann zu Ende, hätte er die Führung übernommen. Doch meist wird der Ausreißer vor dem Ziel wieder eingeholt. Als Rot- Grün im vergangenen Sommer plötzlich vor Schwarz-Gelb lag, war Schmid eine Zeit lang sozusagen virtueller Ministerpräsident. „Beschwingt, aber nicht beschwipst“, beschrieb er damals seinen Gemütszustand. Das Hochgefühl hielt nicht lange an. Grünen-Spitzenkandidat Winfried Kretschmann zog im September an ihm vorbei. Dessen Spruch: „Wir bleiben auf dem Teppich, auch wenn der fliegt.“

Schmid versucht seither im Windschatten mitzuhalten. Bis zum Wahltag am 27. März werde sich das wieder ändern, ist sich der 37-jährige aus Nürtingen sicher. Die Grünen seien „thematisch stark verengt“ auf Stuttgart 21. Die SPD sei dagegen ein „Vollsortimenter“. Nach wie vor setzt man bei der SPD vor allem auf das Thema Bildung. In dieser Woche führte Schmid bei einer Tour durchs Land einige Journalisten nach Bergatreute (Kreis Ravensburg). Die dortige Grund- und Hauptschule ist ganz nach dem Geschmack der Sozialdemokraten. Rund 240 Schüler können in der 3200-Seelen-Gemeinde bis zum neunten Schuljahr gemeinsam lernen. Die einzügige Sekundarstufe kooperiert mit der Realschule und dem Gymnasium in Bad Waldsee.

Schulleiter Roland Dorner ist stolz auf das Modell „Bildungswerkstatt“. In der Grundschule werden die Klassen eins und zwei gemischt unterrichtet. Braucht ein Kind mehr Zeit, kann es ein drittes Jahr in dieser Stufe bleiben. Auch in der Sekundarstufe ab der fünften Klasse bleiben die Schüler zusammen. „Vom Förderschüler bis zum Spitzengymnasiasten“, sagt Dorner. Viele Gymnasiasten würden freiwillig erst später nach Bad Waldsee wechseln.

„Checkliste“ mit grünen Punkten

Der Unterricht in Bergatreute ist stark individualisiert. Schmid lässt sich beim Besuch einer Mathematik- Stunde der fünften und sechsten Klasse die „Checkliste“ erklären. Meistert ein Schüler eine Aufgabe, gibt es dafür einen grünen Punkt. Am Ende des Schuljahres sollten zumindest alle Hauptschulaufgaben erledigt sein. Doch meist ist die „Checkliste“ übersät mit grünen Punkten. 70 Prozent der Hauptschüler der Bildungswerkstatt erlangen nach der neunten Klasse die Mittlere Reife. In der sechsten Klasse schafften 16 Schüler Realschulniveau, obwohl nur vier Kinder für die Realschule empfohlen wurden, sagt Schulleiter Dorner. „Beim gemeinsamen Unterricht wird das Niveau besser.“

Solche Aussagen sind Wasser auf die Mühlen der SPD. Doch das Modell in Bergatreute gibt es nicht zum Schnäppchenpreis. Die Kommune schießt besonders für die Ganztagesangebote einiges zu. Daher sollten die Gemeinden auch selbst über ihre Schule entscheiden können, sagt Schmid. Sein Fazit: Wird die Dreigliedrigkeit aufgelöst und gemeinsam unterrichtet, können auch kleine Schulen überleben.

Neben den Sachthemen stehen im Wahlkampf natürlich die Spitzenkandidaten im Mittelpunkt. Die Spannbreite der Charaktere ist groß. Bei Ministerpräsident Stefan Mappus und Grünen-Fraktionschef Winfried Kretschmann fällt die Zuordnung leicht. Mappus mimt den zupackenden Macher, Kretschmann gefällt sich als altersweiser „Realo“. Bei Schmid tut man sich etwas schwer. Man könnte den Einser-Juristen als ruhigen Intellektuellen beschreiben. Auf die Frage, was er heute machen würde, wenn er nicht in die Politik gegangen wäre, antwortet Schmid: „Ich wäre an der Uni oder Diplomat im Auswärtigen Amt.“ Über seine weitere Karriere wird der 27. März entscheiden. Schmid gibt sich trotz aktuell Platz drei in den Umfragen hinter CDU und Grüne selbstbewusst: „Wir werden den Anspruch erheben, das Land zu regieren.“

Der Parteitag morgen wird zeigen, wie geschlossen die SPD hinter ihrem Spitzenkandidaten steht. Knackpunkt war in den vergangenen Monaten das Thema Stuttgart 21. Der Kurs der Sozialdemokraten war alles andere als geradlinig. Mit der Forderung eines Volksentscheids, versuchten sie zwischen den Fronten einen Mittelweg zu finden. Jüngst scherten noch einmal einige Genossen aus der offiziellen Linie aus und forderten einen sofortigen Baustopp.

Andere, wie Ulms Oberbürgermeister Ivo Gönner, hadern dagegen sehr mit dem Zugeständnis Volks- entscheid. Als Schmid bei seiner Tour in dieser Woche auch in der „Wissenschaftsstadt“ am Rande von Ulm vorbeischaute, konnte Gönner sich eine kleine Spitze nicht verkneifen. Vom Dach des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoffforschung ließ der OB den Blick über die zahlreichen Forschungseinrichtungen schweifen, die in den vergangenen 25 Jahren hier gebaut wurden und in denen inzwischen 10 000 Menschen arbeiten. „Schau Nils, hier standen auch überall mal Bäume, und jetzt freuen sich alle.“

Armin Kübler, aus der Schwäbischen Zeitung vom 21.1.2011

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